Hundsgemein im Interview

Über die Kunst, hundsgemein zu sein – Hundsgemein im Interview mit Gabi Weiss

 

Auf alle Felle: Hunde sind so ziemlich die besten Freunde

Mariella Blümel war drei Jahre alt, als sie ihren ersten Hund bekam. Eine Schäfer-Collie-Hündin, die nicht mehr von ihrer Seite wich. Und mit der sie viel anstellen konnte. „Wuffi“ wurde vor den Schlitten gespannt, in die Schule mitgenommen, bekam Welpen. Mit ihr begann die große Liebe zu Hunden. Und die Sehnsucht, Hunde zu verstehen und in dem zu ergründen, was sie wollen und was sie können.

Gabi Weiss: Wie hast du zu deinem Beruf als Hunde-Trainerin gefunden?

Mariella Blümel: Seit ich Kind bin, habe ich mit Hunden gearbeitet, ihnen etwas beigebracht. Habe mich dann eine Zeit lang auf die Arbeit mit Pferden konzentriert – meistens Pferde, die aggressiv waren und mit denen niemand mehr arbeiten wollte. Herauszufinden, wie man mit ihnen wieder zusammenarbeiten kann, hat mich fasziniert. Genau das mache ich jetzt mit Hunden. Zu verstehen und zu ergründen, was sie wollen und was sie können und sie dann dabei zu unterstützen, den nächsten Schritt zu machen. Ich hatte verschiedene Berufe ergriffen, aber nichts hat mir so viel Spaß gemacht, wie die Arbeit mit Hunden. 2012 kam dann der Moment, wo ich mich entschied,  das zu machen, was ich immer schon am liebsten gemacht habe: Mit Hunden zu arbeiten.

Du hast dich immer wieder intensiv mit Hunden auseinander gesetzt, warst mit 40 Huskies unterwegs, arbeitest beim Verein „TINO“* mit Hunden, die verhaltensauffällig sind – wie färbt das Verhalten der Hunde auf dich ab, wie verändern sie dich?

Leider zum Positiven (lacht). Ich habe immer gerne in meinem Chaos gelebt. Das geht aber mit Hunden nicht. Du musst dich strukturieren, du musst dich organisieren. Du kannst das Chaos schon leben, aber immer mit dem Gedanken, dass da jemand ist, den du versorgen musst. Und der ganz unmittelbar auf deine Stimmungen und Emotionen reagiert, wie es sich Menschen oft gar nicht trauen. Hunde sind ein intensiver Spiegel deiner selbst. Wenn du lernst, Dinge gelassener zu sehen und einen Schritt zurück machen kannst, kommst du vorwärts. Was du von Hunden lernst, ist die unmittelbare und direkte Kommunikation. Das ist etwas, was wir Menschen uns von ihnen abschauen können. Gerade heraussagen, was passt und was nicht.

Was können wir noch von Hunden lernen?

Ich finde, man bekommt immer den Hund, mit dem man lernt, über sich hinauszuwachsen. Sie verändern einen, ob man will oder nicht. Wenn du ein hektischer Mensch bist, wirst du dich etwas mehr fokussieren und zurücknehmen müssen, damit dein Hund dir folgt und mit dir gemeinsam durchs Leben geht. Und wenn du ein zurückhaltender Mensch bist, der sich wenig zutraut, wirst du lernen müssen, dich durchzusetzen. Das hilft uns auch im täglichen Umgang mit Menschen. Und: Wir lernen, die Dinge nicht so eng zu sehen. Hunde leben im Hier und Jetzt, machen sich keine Gedanken was gestern war und morgen sein wird. Daher verzeihen sie schnell und sind auch nur selten nachtragend.

Du hast eine eigene Methode zur Hundeerziehung entwickelt. Was ist die Essenz?

Die Essenz lautet: Erziehung durch Beziehung. Du kannst nicht Verhaltensweisen verändern, ohne dir mit deinem Hund erarbeitet zu haben, dass er das, was du ihm vorgibst, auch gerne macht. Auf der anderen Seite ist es wichtig, dem Hund Grenzen zu setzen, in Bereichen, in denen er das vielleicht nicht so gerne hat. Durch diese Beziehung erschaffst du einen gegenseitigen Respekt, der dazu führt, dass du von deinem Hund so gut wie alles haben kannst. Leider ist dieser Respekt heutzutage oft zu einseitig. Wir lieben unsere Hunde, wir versuchen, menschliche Wünsche in sie hinein zu interpretieren. Das geht oft schief, da es meist dem Hund nicht gerecht wird. Also: Den Hund als Hund verstehen, eine Beziehung zu ihm aufbauen und einen beiderseitigen Respekt erarbeiten – das ist in knappen Worten die Essenz.

Wie bist du darauf gekommen?

Durch die intensive Arbeit mit Hunden. Wenn sie dich respektieren und akzeptieren, kannst du viel von ihnen verlangen und bekommst so viel zurück. Einfach weil sie Spaß daran haben. Da braucht es keine Leckerlis und keine Bestrafung. Was es braucht, ist eine gemeinsame Kommunikationsebene zwischen Mensch und Hund, fertig. Alles was man dazwischen schaltet um den Hund zu etwas zu überreden, bringt nichts für die Beziehungsebene.

Was liebst du an deinem Beruf?

Dass ich mit jedem Mensch-Hund-Team ein neues Projekt starte. Ich muss herausfinden, wo es in diesem Team hakt. Und das möglichst schnell. Und dann überlege ich mir, wie dieses Team am besten zusammen arbeitet. Da gibt es kein Schema F, ich schaue mir das ganz individuell an. Dieses Erarbeiten mag ich sehr und auch das Miterleben dürfen der Erfolgsgeschichten. Ich gehe mit jedem Team durch gute und schlechte Zeiten, bin unterstützend da, gebe ihnen Anleitungen und Werkzeuge, wie sie es in Zukunft gut miteinander schaffen können. Ein Teil dieses Prozesses zu sein, ist einfach schön.

Worauf achtest du bei der Hundeerziehung?

Dass die Menschen durch Wissen und mit Freude dazu motiviert werden, gerne mit ihren Hunden zu arbeiten. Hundeerziehung ist nicht immer lustig. Aber wenn sich Mensch und Hund wohlfühlen, keiner überfordert wird, dann ist eine gemeinsame Entwicklung möglich. Und macht auch Spaß.

Wenn ich es geschafft habe, dass Menschen gerne mit ihren Hunden arbeiten und Hunde gerne mit ihren Menschen, habe ich schon fast mein Ziel erreicht.

Welche Eigenschaften machen einen souveränen Hundehalter aus?

Authentisch sein, nein sagen, und es auch so meinen. „Nein“ sagen und „vielleicht“ meinen geht nicht, das ist für Hunde immer ein „Ja“. Aber auch Dinge gelassen angehen, wenn etwas nicht gleich klappt, es nicht persönlich nehmen, konsequent sein. Geduld kann man immer brauchen. Gute Nerven auch. Aber vor allem Selbstreflexion – das lehren uns unsere Hunde am besten.

Welche Hunde-Persönlichkeiten hast du an deiner Seite?

„Perikles“ ist mein Once-in-a-lifetime-dog. Mit ihm habe ich eine sehr tiefe Verbindung. Er ist feinfühlig und sensibel. Von ihm kannst du alles haben, er macht aus jedem Menschen einen Hundefan und erzieht mich zur Ruhe, zum Optimismus und zur Gelassenheit. Auf der anderen Seite kann er aber auch ein furchtbarer Wichtigtuer sein.

„Sayuri“ ist meine „coole Socke“. Sie hat die Ruhe weg, ist klar und eindeutig in ihren Ansagen, kommuniziert ganz eindeutig über Blicke und beeindruckt damit so gut wie jeden. Da habe ich sehr viel von ihr gelernt. Und so lange es genug zu essen gibt, ist die Welt für sie in Ordnung, ist sie ein richtiger Sonnenschein und immer fröhlich und gut gelaunt.

„Kylie“ ist stets der Spielball ihrer Emotionen, nervös und hektisch, blockiert sich manchmal selbst. Andererseits kann sie auch wieder so süß sein, dass du nicht anders kannst, als mit ihr zu lachen und sie zu herzen. Sie ist oft ein richtiger Clown.

„Ferdinand“ hat ein sehr feines Gespür für Situationen, ist sehr sensibel, hat dabei aber einen übertriebenen Wach- und Schutzinstinkt, den man immer managen muss, und neigt zur Dominanz. Wenn es mir aber schlecht geht, ist er sofort an meiner Seite und geht auch nicht mehr weg. Auch beim Training, wenn Frauen etwas unsicher sind, stellt er sich neben sie – ganz nach dem Motto: Das wird schon, ich pass auf dich auf.

Jeder meiner Hunde ist also sowohl Jekill als auch Hyde und hat unglaublich liebenswerte und unglaublich nervige Seiten. Und damit eine vollkommen eigene Persönlichkeit, die mein Leben bereichert.

Du gibst auch Mantrailing-Kurse. Was fasziniert dich daran?

Über das Mantrailing bekommt man einen Einblick in die unglaubliche Geruchsleistung der Hunde. Wenn man sieht, was die Hunde da leisten, steigt die Hochachtung vor ihnen noch weiter. Auf der anderen Seite, ist es das gemeinsame Erarbeiten, das mir so gefällt. Hund und Mensch müssen zusammenarbeiten, sonst funktioniert es nicht. Das ist Beziehungsarbeit hoch zehn, vorausgesetzt es wird richtig – also ohne den Hund anzureizen – trainiert.

Ist ein Leben ohne Hunde möglich?

Möglich ist es schon. Die Welt geht nicht unter, wenn man keinen Hund hat. Aber die Sonne jeden Tag auf, wenn doch. Meine Hunde bringen mich zum Lachen, geben mir Energie, bringen mich aber auch zur Ruhe. Hunde stehen uns in allen Lebenslagen bei, egal ob es Höhen oder Tiefen sind. Wenn man über Dinge noch nicht reden kann, dann schmiegt man sich einfach an seinen Hund. Der weiß nämlich schon, was los ist.

Und wer möchte diese Erfahrungen, einmal gemacht, schon missen?

 

 

* TINO e. V.: TIERE in Not Odenwald, tiere-in-not-odenwald.de